Historische Recherche und Baugeschichtliche Forschung

Autoren: 

Jens Daube
Rolf Höhmann
Ruth Klumpp

Ziel jeder objektbezogenen historischen Recherche bzw. Bauforschung ist es, den Ist-Zustand eines Objekts herzuleiten und zu dokumentieren. Dabei ist der Hinweis wichtig, dass eine Dokumentation immer vor dem Hintergrund und in Abhängigkeit von den jeweiligen Möglichkeiten der Zeit ihrer Erstellung entsteht. Sie stellt mithin eine tagesaktuelle Bestandsaufnahme dar, die wiederum zu einem Dokument späterer Forschung werden kann. 

Alte Schleuse des Nord-Ostsee-Kanals 

Im Folgenden sollen die aus Sicht der Autoren wichtigsten Elemente einer zielführenden historischen Recherche am Beispiel einer industriearchäologischen Dokumentation der so genannten Alten Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals in Kiel-Holtenau erläutert werden. Die für die Erstellung dieser Dokumentation erforderlichen Recherchen wurden im Jahr 2016 anlässlich des geplanten Neubaus als Ersatz für die historischen Schleusenanlage von 1905 durchgeführt.

Bildurheberrechte: WSA Kiel-Holtenau

Fotografische Dokumentation

Zunächst muss zwischen der meist fotografischen Dokumentation des zum Zeitpunkt der Untersuchung vor Ort vorgefundenen Status Quo und der historischen Recherche anhand von Quellen unterschieden werden. Die fotografische Dokumentation ist dabei im Prinzip selbsterklärend, kann den Fotografen jedoch im Fall von sperrigen Objekten, wie den hier beispielhaft behandelten Schleusen vor große technische Herausforderungen stellen. Ziel der fotografischen Dokumentation ist es, die darzustellenden Objekte möglichst umfassend und neutral festzuhalten. Dabei sind ähnlich der Vorgehensweise bei einem Raumbuch die wesentlichen Bauteile orthogonal und überlappend zu erfassen und mit Hilfe nachvollziehbarer Angaben zur Orientierung  zu verzeichnen. Für die beiden mehr als 125 m langen Schleusenkammern wurden nach diesen Vorgaben vollständige Wandabwicklungen fotografiert, wobei jedoch aus nachvollziehbaren Gründen auf die Darstellung aller unterhalb der Wasserlinie befindlichen Details verzichtet werden musste.

Bildurheberrechte: Rolf Höhmann

Historische Recherche

Bei der historischen Recherche anhand von Quellen ist die Auswertung aller zugänglichen Archivalien, das Auffinden von eventuell vorhandener Literatur, die Verwendung von historischen Fotografien sowie gegebenenfalls sogar der Umgang mit "Oral History", also mündlichen Berichten von Zeitzeugen, sinnvoll und zielführend. Für Objekte aus dem industriearchäologischen Bereich, besonders wenn sie wie die Kieler Schleusen im Zusammenhang mit besonderen Bauaufgaben stehen, ist die Archivlage häufig ertragreich. Jedoch ist zunächst zu klären, welche Archive aufgrund welcher Zuständigkeiten überhaupt als relevant anzusehen sind. Da die Bundeswasserstraßen eine hoheitliche Bauaufgabe darstellen, mussten abgesehen von den Archiven des Wasserstraßen- und Schifffahrtamts sowie der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt in Kiel und dem Landesarchiv Schleswig-Holstein in Schleswig auch die Archivbestände der Bundesanstalt für Wasserbau in Karlsruhe geprüft werden. Von entscheidender Bedeutung für das Auffinden von Archivalien ist dabei ein gewisses Verständnis für die mit der Archivierung einher gehenden Zuständigkeiten und Abläufe im Sinne von: "Welche Unterlagen werden in welchem Fall an wen abgegeben und dort bis wann aufbewahrt." Die Archivarbeit selbst dient dann dem Auffinden und der Auswahl von aussagekräftigen Dokumenten, anhand derer die Baugeschichte der Objekte seit ihrer Entstehung möglichst lückenlos nachvollzogen werden kann. In diesem Zusammenhang sind erfahrungsgemäß sowohl der Bauantrag zur Errichtung als auch größere Umbauten mit bauaufsichtlicher Relevanz besonders ergiebig.

Bildurheberrechte: WSA Kiel-Holtenau

 

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Literatur

Eine Sonderstellung für die Einordnung von bauhistorischen Details nimmt eventuell aufzufindende Literatur ein. Handelt es sich dabei um bauzeitliche Publikationen oder Festschriften, stellen diese häufig ihrerseits eine historische Quelle dar. Im Falle der Kieler Schleusen war die von den für die Erbauung hauptverantwortlichen Ingenieuren Johann Fülscher und Hans W. Schulz verfassten und in der Zeitschrift für Bauwesen des Jahrgangs 1898/99 veröffentlichten Berichte besonders aufschlussreich, da sie sich insbesondere mit den technischen und bautechnischen Details des Ingenieurbauwerks auseinandersetzten.

Bildurheberrechte: nicht erforderlich

 

Historische Fotografien

Zu guter Letzt muss die Auswertung und die Interpretation eventuell zugänglicher historischer Fotografien erwähnt werden, die besonders bei fehlender Datierung detektivische Kleinarbeit notwendig machen kann. Historische Fotografien erlauben es aber häufig erst, die verschriftlichten Sachverhalte in den richtigen Kontext zu stellen und die Meilensteine baulicher Veränderungen im Laufe der Nutzungszeit angemessen zu würdigen. Im Falle der Kieler Schleusen wurde der Hinweis auf einen im Wasser- und Schifffahrtsamt Kiel-Holtenau nahezu in Vergessenheit geratenen Bestand von bauzeitlichen Fotografien von einem Heimatforscher gegeben.

 

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Dieser interessierte Laie hatte sich über die Jahre sehr intensiv mit dem technischen Bauwerk und seinem Umfeld auseinandergesetzt und dabei auch Einblick in die Sammlung historischer Fotografien des Wasser- und Schifffahrtsamts Kiel-Holtenau nehmen dürfen. Die Aussagekraft von Fotografien aus verschiedenen Nutzungsepochen wird durch die verschiedenen dokumentierten Bauzustände des so genannten Amtsgebäudes auf der Schleuseninsel eindrucksvoll veranschaulicht.

Bildurheberrechte: WSA Kiel-Holtenau

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Bildurheberrechte: Rolf Höhmann

Abschließend bleibt anzumerken, dass die im Jahr 2016 verzeichneten Sachverhalte auf der Schleuseninsel in Kiel-Holtenau schon im Frühjahr des Jahres 2017 von den baulichen Ereignissen vor Ort überholt worden sind. Die mehrhundertseitige Dokumentation des vorgefundenen Status Quo und die Bemühungen die wechselvolle Baugeschichte des technischen Denkmals in all seinen Bestandteilen durch baugeschichtliche Forschung nachzuvollziehen stellt damit ein Zeitdokument dar, das zukünftig an den Objekten Interessierten den Wissensstand der 2010er Jahre vermitteln kann.