Bestandserfassung

Autoren: 

Ulrich Stappert

Das Kanalnetz ist in der Regel die große Unbekannte auf einer industriellen Liegenschaft aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg. Bestandsunterlagen sind nur für Teilbereiche vorhanden, Erweiterungen/Umbauten/Sanierungen wurden meistens gar nicht dokumentiert. Die Bestandserfassung gerät schnell zu einer Aufgabe, die den gesteckten Zeitrahmen sprengt und am Ende nicht mal ansatzweise den tatsächlichen Umfang des Netzes ermitteln kann. Bevor man ein Vermessungsteam ins Unbekannte schickt, muss dessen Einsatz gut vorbereitet werden. Die Bestandserfassung beginnt am besten mit einer gründlichen Recherche in den Archiven des Eigentümers, der Kommune (Bauakten) und der Aufsichtsbehörden (Bauanträge, Erlaubnisanträge usw.).

Die aufgefundenen Planunterlagen werden anschließend zwecks Übernahme in ein geographisches Informationssystem (GIS) von einem Fachbüro kostengünstig digitalisiert, d. h. in ein digitales Austauschformat (dwg/dxf/dgn) umgesetzt, diese Dateien werden dann in das jeweilige GIS übernommen und nachbearbeitet. Die Nachbearbeitung beinhaltet, den digitalen Informationen (Linien, Punkten) entsprechende Layer (Ebenen) zuzuweisen und Kanalhaltungen, Schächte und Anschlussleitungen in die Kanaldatenbank zu übernehmen. Nach dem Zusammensetzen der gefundenen Planunterlagen zu einer digitalen Grundlage besteht der nächste Schritt in der Kontaktierung ehemaliger Mitarbeiter und Hobbyforscher (z. B. im Ruhrgebiet der Studienkreis Bochumer Bunker e. V.), die wertvolle Hinweise geben und das Wissen über den Untergrund ausbauen können. Zusätzlich ist Kontakt mit den lokalen Behörden zwecks Einblicks in das Altlastenkataster aufzunehmen. Es ist zu klären, ob es sich um eine Verdachtsfläche handelt oder um eine bestätigte Altlast. Die Einstufung hat Auswirkungen auf die erforderlichen Bauarbeiten im Falle der Sanierung und auf den Umgang mit dem anfallenden Niederschlagswasser. Sind diese Erkenntnisse in den digitalen Bestandsplan eingeflossen, kann das Resultat vor Ort durch eine Begehung verifiziert werden. Dies geschieht optimaler weise zusammen mit dem mit der Bestandsvermessung beauftragten Vermessungsbüro, welches unbedingt über Erfahrung im Kanalbereich verfügen sollte, da sich die Vorgehensweise grundlegend von der Arbeitsweise in der üblichen Ingenieur-, Landes- und Katastervermessung unterscheidet. Die vermessungstechnische Bestandsaufnahme sollte anhand der Arbeitshilfen Abwasser der Oberfinanzdirektion Hannover vorgenommen werden, um die Weiterbearbeitung zu vereinfachen.

 

Durch die Vermessung können den im GIS vorhandenen Objekten raumbezogene Daten zugeordnet werden, diese Objekte werden georeferenziert. Die Georeferenzierung ermöglicht es, die aus alten Planunterlagen ermittelten Daten in Bezug zu aktuellen Luftbildern und Katasterkarten zu setzen, d. h. einen Bezug zur Realwelt herzustellen. 

Eine Gefahr für Mensch und Umwelt stellen nach Beendigung der Produktion ungeschützte Haufwerke dar. Durch Wind können Schadstoffe in der Umgebung verteilt werden und den Boden belasten. Niederschläge können Schadstoffe auswaschen. Es ist daher umgehend sicherzustellen, dass derartige Haufwerke fachgerecht abgedeckt werden, dass austretendes Wasser der Schmutz- oder Mischwasserkanalisation zugeführt wird und keinesfalls in Oberflächengewässer oder das Grundwasser gelangen kann. Das Material ist vorschriftsmäßig zu entsorgen.

Um einen vollständigen Überblick aller erdverlegten Leitungen zu erhalten, sollte die Bestandserfassung auch Versorgungsleitungen wie Gas, Wasser, Strom und betriebsinterne Medienkanäle umfassen. Ein komplettes Leitungskataster hilft bei Tiefbauarbeiten Zeit und Kosten zu sparen, das Risiko, Leitungen zu beschädigen, wird minimiert.

Der aus den genannten Arbeitsschritten resultierende vorläufige Bestandsplan bildet die Grundlage des nächsten Schrittes, der Zustandserfassung.